August 1, 2020

Günstiger Wein, bitterer Nachgeschmack

Benjamin Luig

Weinexporte von Südafrika nach Deutschland


Benjamin Luig arbeitet zu Fragen der Agrarpolitik und lebt in Berlin. Von 2016 bis 2019 leitete er das Dialogprogramm Ernährungssouveränität der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Johannesburg, Südafrika. Der Autor dankt Paula Cardoso (TCOE) für ihre Hintergrundrecherchen zur Studie.

Die Studie wird herausgegeben von: Commercial Stevedoring Agricultural & Allied Workers Union (CSAAWU), Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS), Transnationals Information Exchange (TIE), Trust for Community Outreach and Education (TCOE), Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di)


Deutsche Importeure sind für den Weinsektor in Südafrika von überragender Bedeutung. Deutschland ist nach Großbritannien der zweitgrößte Importeur von Wein aus dem Land am Kap.

Wein wird in zwei Formen gehandelt: entweder in großen Tanks oder in Flaschen. Tankwein aus Südafrika importiert Deutschland sogar noch mehr als Großbritannien. Kellereien wie Peter Mertes oder Zimmermann-Graeff & Müller füllen jährlich Millionen Liter Wein aus Südafrika ab, die dann in den Regalen deutscher Supermärkte und Discounter landen. Neben dem Lebensmitteleinzelhandel ist Deutschland jedoch auch über den Weinfachhandel und über die Gastronomie ein wichtiger Importeur von Wein aus Südafrika. Unternehmen wie die Hawesko-Holding – zu ihr gehören unter anderem Jacques’-Weindepot-Läden, die Champagner und Wein Distributionsgesellschaft (CWD) und Wein Wolf – importieren ebenfalls große Mengen an Wein aus dem afrikanischen Land. Daneben gewinnt der Onlinehandel mit südafrikanischem Wein immer stärker an Bedeutung.

Insbesondere die Marktmacht des Lebensmitteleinzelhandels in Deutschland setzt die Kellereien und Weinfarmen in Südafrika unter Flexibilisierungs- und Preisdruck. Unlautere Handelspraktiken stellen bei dem Ankauf durch den Einzelhandel eher die Regel als die Ausnahme dar. Zulieferer zahlen eine Gebühr von rund einem Viertel ihres Verkaufspreises, damit sie überhaupt in die Liste der Geschäftspartner aufgenommen werden. Auch für einen gut sichtbaren Platz im Supermarktregal müssen sie zusätzlich zahlen. Kellereien aus Südafrika erfahren vom deutschen Einzelhandel sehr kurzfristig, welche Weinmengen ihnen abgenommen werden. Diese ausgelagerten Risiken werden innerhalb der Lieferkette nach unten bis an die Farmen weitergereicht. Die technische Grundlage für diese Flexibilisierung stellt die Form des Handels mit Wein im Flexitank dar: Große Mengen Wein können nicht nur kostengünstig transportiert, sondern auch nach längerer Zeit gemischt werden, ohne an Geschmack zu verlieren. Das ermöglicht es Kellereien wie Peter Mertes, scheinbar homogenen Wein in großen Mengen auf den Markt zu bringen, der faktisch ein Verschnitt, also eine Mischung von Weinen unterschiedlicher Produzenten ist. Durch den Handel mit Tankwein werden Winzerbetriebe und Kellereien in Südafrika austauschbarer. Ein großer Teil der Wertschöpfung wandert von Südafrika nach Deutschland.

Die Preismargen entlang der Zulieferkette der Supermarktkonzerne sind extrem ungleich. In Südafrika bleibt bei dem Export von Tankweinen ein Anteil von weniger als 16 Prozent des Ladenpreises, der in Deutschland verlangt wird. Über 60 Prozent der Marge teilen sich der Discounter und die abfüllende Kellerei in Deutschland. Etwa sieben Prozent bleiben bei der Weinfarm und bei der exportierenden Kellerei in Südafrika. Die Arbeiter*innen erhalten lediglich 1,4 Prozent des Ladenpreises. Die Entwicklung des Importpreises von Tankwein in den letzten zehn Jahren verdeutlicht den Preisdruck, den deutsche Importeure auf den südafrikanischen Weinsektor ausüben: Der Preis lag bei durchweg weniger als 80 Cent (90 US-Cent) pro Liter und dies bei einem kontinuierlich sinkenden Wert des Südafrikanischen Rand. Inflationsbereinigt würde die Kurve also deutlich nach unten abfallen. Im Jahr 2018 lag der Preis pro Liter Tankwein bei knapp 60 Cent (66 US-Cent). Deutschland ist jedoch nicht nur im Niedrigpreissegment ein wichtiger Importeur, sondern auch in höherpreisigen Weinkategorien. In diesen Kategorien, die jedoch vom Volumen her deutlich kleiner sind, können südafrikanische Produzenten durchaus drei bis fünf Euro pro Liter erzielen.