janvier 1, 2019

Frieden ist mehr als Abwesenheit von Krieg

Eva Wuchold

maldekstra #2 über die strukturellen Ursachen gewaltvoller Konflikte – en allemand !



Wenn nach Kriegen die Waffen schweigen, bestehen die Gründe für die Gewalt in den meisten Fällen weiter. Konflikte dürfen deshalb nicht verkürzt betrachtet werden – oft steht weit mehr dahinter als geostrategische Krisen, religiöser Notstand oder ethnische Zusammenstöße. Meist beginnen gewaltsame Auseinandersetzungen als Verteilungskonflikte und sind Ergebnis globaler Ressourcenausbeutung. Oder sie lassen sich auf menschenrechtliche Diskriminierungen und die Verletzung demokratischer Freiheiten zurückführen. Deshalb müssen auch indirekte und strukturelle Ursachen in den Blick einer Politik linker Gewaltalternativen genommen werden. Es geht nicht nur um Frieden als Abwesenheit von Krieg. Es geht um Positiven Frieden, der soziale und transformative Gerechtigkeit zur Voraussetzung hat.

Globale Perspektiven von links: Das Auslandsjournal
maldekstra  ist ein neues publizistisches Format, das internationalistische  Diskurse und Praxen entlang von zentralen Themenlinien diskutiert.
  
Der Name ist dabei Programm: Maldekstra steht für «links» in der  Weltsprache Esperanto und meint vor allem, aktuelle Fragen in ihrem  globalen Rahmen zu sehen, nach weltgesellschaftlichen Lösungen zu suchen  für Probleme, die in einer ökonomisch, politisch und kulturell immer  enger zusammenrückenden und doch so zerrissenen Welt nur noch auf  planetarischer Ebene behandelt werden können.
  
Diese großen Themen werden bei maldekstra  entlang von konkreten Perspektiven anschaulich erzählt: internationale  Partner und Personen der Rosa-Luxemburg-Stiftung werden vorgestellt,  Fachdebatten übersetzt und sowohl die Vielfalt, als auch das Gemeinsame  internationaler Entwicklungen aufgespürt. Möglicherweise erscheint die  Welt dabei anders als bisher gewohnt – in einer linken  weltgesellschaftlichen Perspektive. 

Maldekstra ist ein Kooperationsprojekt, das die Rosa-Luxemburg-Stiftung gemeinsam mit der common Verlagsgenossenschaft e.G.  herausgibt. Sie erscheint mehrmals im Jahr als Beilage in der Wochenzeitung der Freitag und der Tageszeitung neues deutschland sowie online bei rosalux.de.
Dass nicht nur die Waffen schweigen

«Frieden ist nicht alles», so hat es Willy Brandt einmal gesagt, «aber ohne Frieden ist alles nichts.» Der Satz, formuliert in der Hochzeit atomarer Bedrohung zwischen den Blöcken, hat bis heute nichts von seiner Aussagekraft eingebüßt.

So oft davon gesprochen, so händeringend immer wieder auf ihn gedrungen wird, muss doch gefragt werden, was ist das eigentlich: Frieden? Man kann ihn negativ als Abwesenheit gewaltvoller Konflikte beschreiben, als Gegensatz des Krieges. Das war auch in Brandts Bonmot noch die entscheidende Bedeutung. Frieden lässt sich aber auch positiv definieren: als Form und Inhalt eines gerechten, solidarischen, konfliktfreien Zusammenlebens der Menschen. Ein Ziel, das nach mehr verlangt als «nur» der Beendigung von Kriegen.

Mitunter ist auch gar nicht so leicht zu sagen, wann wir von Krieg sprechen können. Einerseits wird Gewaltanwendung als ein Kriterium der Unterscheidung gesehen. Andererseits wird die lange Periode ohne direkte Gewalt zwischen den großen Mächten nach 1945 in der Regel als «Kalter Krieg» bezeichnet, während wiederum nicht alle Angriffe auf Staaten in der Vergangenheit als Krieg bezeichnet wurden – zumindest von denen, die sie führten. «Neue» oder als asymmetrisch bezeichnete Konflikte sind auf die Tagesordnung getreten. Die exzessive Anwendung von Gewalt durch nichtstaatliche Gruppen nimmt Formen des Krieges an, ihre internationale Bekämpfung wird teils als «Krieg gegen den Terror» beschrieben.

Im Vordergrund des Redens über Krieg und Frieden bleiben tiefer liegende Ursachen, die indirekten und strukturellen Voraussetzungen gewaltvoller Konflikte nicht selten ausgeblendet oder werden zurechtgebogen. Die gesellschaftliche Linke kann sich hier nicht aus der Kritik stehlen: Oft genug wurden Fragen von Krieg und Frieden vor allem wie ein weltpolitisches und geostrategisches Schachspiel behandelt, bei dem es darum geht, auf die «richtigen» Figuren zu setzen. Manchmal wurde das Reden über Krieg und Frieden auch nur benutzt, um ganz andere politische Differenzen auszutragen. Und viel zu häufig haben sich doppelte Standards bei der Beurteilung der Gewalt der einen und der anderen offenbart.

Dabei werden nicht nur die Menschen in Konflikten zu «Bauern auf dem Schachbrett». Eine solche Sicht bestärkt auch das Denken in Kategorien des «kleineren Übels» und die fragwürdige Identifikation mit staatlicher Macht, wo es doch eigentlich um die Perspektive von unten, um die der Betroffenen und ihrer Hoffnungen gehen müsste. Nämlich um die Frage, wie die indirekten und strukturellen Ursachen gewaltvoller Konflikte überwunden werden können, damit nach dem Krieg nicht bald schon wieder vor dem Krieg heißt.

Es reicht nicht, bloß auf die Binsenweisheit zu verweisen, dass gewaltvolle Konflikte auch sozioökonomische Ursachen haben. Es geht darum, deren verschiedene Schichten, ihre teils widersprüchlichen Zusammenhänge untereinander freizulegen; es geht darum, ernst zu nehmen, was sich in einer der Quellen unseres heutigen Wortes «Frieden» verbirgt, dem gotischen «gafridon», das auch «versöhnen» bedeutet.

Es geht darum, sich bewusst zu machen, dass der Weg zum ‹Positiven Frieden› noch länger und steiniger ist als der zur Beendigung eines Krieges.

Wir haben für diese Ausgabe von «maldekstra» mit Menschen gesprochen, die auf der Suche nach «Positivem Frieden» sind und andere dabei unterstützen. Wir werfen einen Blick auf Länder, in denen lange Gewalt herrschte und es teils noch immer tut. Zur Sprache kommen Konflikte und Ideen, diese nicht nur zu befrieden, sondern grundlegend zu überwinden. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einem großen Bild.

Die Fotografien, die diese Ausgabe illustrieren, bringen uns einen der schrecklichsten Konflikte unserer Zeit ins Gedächtnis zurück: den Bürgerkrieg in Syrien, der zuletzt kaum noch in den Schlagzeilen auftauchte. Die Bilder, die Doha Hassan und Hosam Katan in Aleppo gemacht haben, zeigen nicht nur die kriegerische Seite des Konflikts, sondern auch die Perspektive der Menschen, die in diesem «Alltag» überleben müssen – darauf wartend, dass nicht nur die Waffen schweigen, sondern wirklicher Frieden möglich wird.

Tom Strohschneider
 

maldekstra #3

Im Frühjahr 2019 geht es in der dritten Nummer dann um Geschichte und Zukunft des linken Internationalismus 100 Jahre nach Gründung der Komintern.